Interviews

Nachwuchsgewinnung für den Amateurfunk auf dem 31. Chaos Communication Congress

Heute möchte ich euch einen Funkamateur vorstellen, den ich im letzten Jahr auf dem Vorbereitungskurs für die Amateurfunklizenz Klasse-A kennenlernen durfte. Bei unseren Treffen ergeben sich oft interessante Gespräche über Informationstechnik und natürlich über Amateurfunk. In diesem Interview sprechen wir über die Themen Nachwuchsgewinnung, die Entwicklung des Amateurfunks und die Erwartungen an den Amateurfunk, die einige Besucher des letzten Chaos Communication Congress geäußert haben.

Lars, bitte stell dich doch selbst kurz für unsere Leser vor.

Im Amateurfunk habe ich seit 2007 das Rufzeichen DC4LW. Ich wohne in Berlin und besitze kein eigenes Haus mit großer Antenne. In meiner Freizeit besuche ich Berliner Ortsverbände, rede mit Interessierten und biete Vorträge oder Lizenzkurse an. Als Mitglied des Chaos Computer Clubs bin ich auf vielen von diesem ausgerichteten Veranstaltungen unterwegs und stelle mit anderen Mitgliedern unserer Interessensgruppe den Amateurfunk dort vor.

Wie bist du zum Amateurfunk gekommen und was begeistert dich an diesem Hobby?

Zum Amateurfunk bin ich über den Chaos Computer Club geraten. Oder genauer, beim 16C3: 16. Chaos Communication Congress im Jahr 1999 gab es einen Eintrag im Fahrplan, der den Titel “Funktechnik / Treffen der Funkamateure im CCC” trug. Die Beschreibung lautete “(Kurzbeschreibung liegt noch nicht vor, Funkinteressierte laufen da am besten einfach hin)”. Und da ich bereits seit etwa vier Jahren CB-Funk betrieb, lief ich da hin.

Durch diese Veranstaltung lernte ich einige Leute im CCC kennen mit denen ich heute immer noch Kontakt habe. Bis zu meiner Klasse-E Prüfung vergingen aber noch sieben Jahre. In dieser Zeit wurden die Lizenzklassen umstrukturiert und die Prüfung modernisiert. Ein Jahr nach der Klasse-E Prüfung machte ich dann 2007 die Klasse-A Prüfung.

Am Amateurfunk hat mich anfänglich die Technik und das Basteln interessiert. Zuerst stand ich dabei und es dauerte immer etwas Überwindung das Mikrofon mal in die Hand zu nehmen. Meistens habe ich nur auf Veranstaltungen auf UKW gefunkt, um mit den Leuten vor Ort in Kontakt zu bleiben. Erst mit einem Kurzwellentransceiver, den ich mir 2013 anschaffte, begann ich Antennen zu bauen und viel mehr zu experimentieren.

Aktuell probiere ich Digimodes aus. Das ist ein wenig wie Chatten. Klar, es gibt das Internet und da kann ich mit vielen Menschen in Kontakt treten. Jedoch finde ich es hochspannend mit einer selbstgebauten Antenne aus dem von Häusern umstellten Garten mitten in Berlin über die halbe Welt zu funken. Und das mit nur etwa so viel Leistung wie ein Mobiltelefon braucht, um bis zum nächsten Sendemast eine Straßenecke weiter zu gelangen.

In welchem OV bist du Mitglied? Welche Funktion übst du dort aus?

Beim DARC e.V. bin ich Mitglied beim OV D23 – “Freunde des CCC” oder kurz “Chaoswelle”. Das ist einer der wenigen Ortsverbände im DARC e.V., der nicht an einen Ort gebunden ist. Wir sind eine Gruppe von Funkamateuren im Chaos Computer Club, die sich zu Veranstaltungen des CCC oder außerhalb zu Contesten treffen.

Im OV D23 bin ich aktuell stellvertretender Ortsverbandsvorsitzender. Das ist sehr förmlich, da wir schlicht einen Vorstand im Verein brauchen. Andererseits habe ich leider im DARC e.V. die Erfahrung gemacht, dass so manch anderer Aktiver im großen Verein überhaupt nur hinhört, wenn ich mit einer Funktion auftrete. Das ist etwas bedauerlich, aber liegt vermutlich am deutschen Vereinswesen und dessen Ausleben.

Darüber hinaus engagiere ich mich für das Thema Ausbildung, Jugend, Weiterbildung (AJW) im Distrikt D, also Berlin. Hier bin ich mit anderen Funkamateuren im Gespräch, die sich ebenso für das Thema AJW interessieren, baue Vernetzungen auf und wirke global am Erfahrungsaustausch mit.

Wie kamen die Veranstaltungen auf dem Chaos Communication Congress zum Thema Amateurfunk an? Auf Twitter hörte man von vollen Hallen und großem Interesse. Wie hast du das erlebt?

Beim 31C3: 31. Chaos Communication Congress im Dezember 2014 in Hamburg hatten wir eine große Amateurfunkecke in einem viel besuchten Foyer aufgebaut. Auf dem Dach des Gebäudes konnten wir Antennen aufbauen und somit hatten wir mehrere Kurzwellenstationen dort stehen. An einer Leinwand hielten wir Vorträge zu diversen Themen des Amateurfunks. Und für die Interessierten im Thema Software Defined Radio (SDR) haben wir extra Tische mit einem Antennenverteiler von einer Dachantenne bereitgestellt, um die Geräte mit realen Daten testen zu können.

Ein Jahr vorher hatte ich mal getestet, ob ein angekündigter Vortrag zum Thema Amateurfunk Resonanz findet. Ich war erstaunt, dass sich doch etwa 20 Personen eingefunden hatten. Das motivierte mich dazu, die Vorträge etwas größer anzukündigen – was auf große Resonanz stieß. Ein sehr allgemeiner Vortrag
zum Thema Amateurfunk am ersten Tag hatte direkt 70 Besucher und viele mehr, die für wenige Minuten stehen blieben und zuhörten. Mehr passten in diesem Bereich gar nicht hin. Deshalb haben wir den Vortrag mit einer etwa gleich großen Anzahl Besuchern zwei Tage später wiederholt. Ebenso gut besucht war der Vortrag zum Thema Antennentechnik und Antennenbau von Felix, DB4UM oder auch zum Thema Wellenausbreitung an den verschiedenen Atmosphärenschichten von Jens, DK2AB. Weniger, aber dafür viel stärker interessierte Besucher hörten zu, wie sie Funkamateur werden können. Ein paar konnten wir direkt in lokale Ortsverbände vermitteln oder bilden sie selbst aus.

Insgesamt schätzen wir etwa 400 Interessierte in vier Tagen des Congresses, die am Stand Halt gemacht haben, Vorträge anschauten oder mit uns ins Gespräch kamen. Sehr angenehm fand ich die Treffen mit anderen Funkamateuren aus anderen Teilen der Welt. Mit denen konnte ich mich über deren Ausbildungen oder Lizenzen unterhalten, um so Ideen für die Zukunft in Deutschland zu sammeln.

Was ist aus deiner Sicht die Ursache für das gestiegene Interesse?

Es ist schwer zu sagen, ob das Interesse gestiegen ist oder ob wir schlicht über mehrere Jahre das Interesse durch fehlendes Angebot nicht geweckt haben.

Bei Gesprächen mit Interessierten höre ich häufig heraus, dass sie eigentlich WLAN-Antennen für Freifunk bauen wollen. Da gibt es natürlich auf der technischen Seite eine Überschneidung mit dem Amateurfunk. Meine Empfehlung lautet jedoch, lieber einen technischen Bastelabend mit weiteren Interessierten zu organisieren. Eventuell ist das ein Angebot, das durch lokale Amateurfunk-Ortsverbände erfüllt werden kann. Wer tatsächlich in den Amateurfunk einsteigen möchte, um auch auf anderen Bändern weltweit zu kommunizieren, ist natürlich Willkommen.

Ein anderes Themengebiet ist Software Defined Radio. Dort geht es darum, mehr zur Technik zu verstehen. Mit wenig Geld und ein Stück Software können Signale von allen möglichen Frequenzen empfangen und dekodiert werden. Doch häufig ist nicht bekannt, was dort für Signale empfangen werden – und da werden die Funkamateure gefragt, die sich ja schließlich auskennen sollen.

Im eher idealistischen Computerfreak-Umfeld gibt es die heimliche Hoffnung, der Amateurfunk könne die letzte Rettung einer freien Kommunikation bei Abschaltung des Internets oder der Vollüberwachung sein. Diese Idealisten sind dann sehr enttäuscht, wenn sie erfahren, Amateurfunk hat in offener Sprache stattzufinden. Die Nachfrage der nicht erlaubten Kryptographie und einer möglichen Umgehung, sodass es niemand merkt, war immer wieder Gesprächsthema. Ebenso waren diese Gesprächspartner verwundert, dass wir uns an den Hamspirit halten und nicht über Politik oder Religion reden.

Es ist also nicht der Amateurfunk an sich, der interessant ist, sondern ähnliche technische Themen. Der Amateurfunk beschäftigt sich aber schon seit vielen Jahren damit und wir Funkamateure werden als Experten befragt. Allein aus dem Interesse an den ähnlichen Themen ist es aber schwierig, Nachwuchs für das große Hobby Amateurfunk zu gewinnen.

Wie siehst du die Entwicklung in Bezug auf die Nachwuchsgewinnung?

Meiner Erfahrung muss beim Nachwuchs ein Interesse für den Amateurfunk vorhanden sein, damit dieser sich in dieses Thema vertieft. Wer sich für Technik interessiert, wird sich kaum mit dem weiten Feld, wie Betriebstechnik oder Vorschriften, auseinander setzen wollen. Ebenso kann mit dem Argument der
weltweiten Kommunikation in Zeiten des Internets und Mobilfunk niemand mehr gelockt werden.

Im Laufe der nächsten Jahre wird die Zahl der Funkamateure stark sinken, da die Älteren im leider wahrsten Sinne des Wortes wegsterben. Ob mit einfacheren Prüfungen oder der nicht mehr weiter diskutierten K-Lizenz die Einstiegshürde gesenkt wird, ist auszuprobieren. Hier müssen wir als DARC e.V. in Gespräche mit der Politik gehen, die für die Prüfungen zuständig ist.

Bei Schülern und Studenten ist häufig keine Zeit mehr für ein weiteres Hobby. Vollgepackte Lehrpläne und Schulen oder Universitäten ohne aktive Funkstation gewinnen keine neuen Interessierten. Hier finde ich das Modell von DK0TU an der Technischen Universität Berlin sehr charmant, durch Studienpunkte für den
Besuch eines Amateurfunkkurses einen Anreiz zu geben. Dadurch wirkt sich die Freizeit für die Erfüllung des Studienpunktekontos positiv aus. Mit einem Sekundäranreiz lassen sich also durchaus Interessierte zum Amateurfunk gewinnen.

Welchen Tipps kannst du anderen Ortsverbänden in Bezug auf die Nachwuchsgewinnung mit auf den Weg geben?

Zuerst muss der Ortsverband aktiv sein. Ein “Schnitzel-OV”, der sich monatlich in einer Kneipe zum Essen trifft, um sich ein bis zwei Stunden über alte Zeiten auszutauschen, wird keine neuen Mitglieder oder Interessierte gewinnen. Ein OV-Heim, in dem tatsächlich gefunkt wird, Mitglieder, die an Conteste teilnehmen oder regelmäßig angebotene Vorträge ziehen Interessierte an. Hier ist mehr Raum für ein Gespräch und für Fragen. Öffentlich sichtbar sein ist der Anfang.

Es mag durchaus Rückschläge geben, wenn bei Stadtteilfesten nur wenige Interessierte vorbei kommen. Da wird natürlich überlegt, ob sich die Veranstaltung in Zukunft überhaupt lohnt. Vielleicht ist aber auch nur das Info-Material oder die Präsentation des Standes nicht ansprechend genug. Und manchmal sind es dann die “anderen” Veranstaltungen, bei denen Gespräche mit Interessierten geführt werden. Beispielsweise hatte ich im Sommer ein tolles Erlebnis, als ich zu einer Veranstaltung von Hobby-Astronomen im Park am Gleisdreieck ging. Zwischendurch kam die ISS über uns weggeflogen und ich schaltete mein Funkgerät ein. Dort hörten wir gerade einen Kosmonauten CQ rufen – und schon hatte ich für eine Stunde lang Gespräche zu Amateurfunk. Zwei Interessierte traf ich später in einem Amateurfunkkurs wieder.

Wie können sich Ortsverbände gegenseitig unterstützen, um Menschen für den Amateurfunk zu begeistern?

Einen Amateurfunkkurs zu organisieren nimmt viel Zeit in Anspruch und macht zumindest bei der ersten Durchführung mehr Mühe als selbst für die Prüfung zu lernen. Es hilft ungemein, sich mit mehreren Funkamateuren zusammen zu tun und gemeinsam den Kurs durchzuführen. Die einzelnen Themen können auf mehrere Personen aufgeteilt werden, sodass nicht alles an einer Person hängen bleibt. Sollte dieses im eigenen OV nicht möglich sein, klopft einfach mal im Nachbar-OV an. Insbesondere für Berlin sehe ich da sehr großes Potential, da die 27 Ortsverbände doch sehr nah aneinander liegen.

In vielen Distrikten gibt es eine AJW-Referentin oder einen AJW-Referenten. Diese stehen gerne helfend zur Seite, geben Tipps oder schlagen Vernetzungen vor. Wenn es im Distrikt niemanden gibt, kann gerne die DARC AJW-Referentin Annette DL6SAK angesprochen werden, die sehr viele Funkamateure in Deutschland kennt und den Kontakt aufbaut. Generell sind die DARC-Webseiten zu AJW  ein guter Anlaufpunkt für Fragen rund um das Thema oder die Suche nach anderen OVs mit aktiver Ausbildung.

Plant euer Ortsverband in diesem Jahr wieder einen Amateurfunk-Kurs?

Da ich selbst aktuell als Teilnehmer einen Kurs für Morsetelegraphie bei D11 besuche, finde ich keine Zeit zusätzlich einen Lizenzkurs anzubieten. Den plane ich eher für den Herbst. Für die kommende Woche habe ich zu einem Treffen mit den aktiven und interessierten Ausbildern in Berlin eingeladen. Als Ziel dieses Treffens wünsche ich mir, einen “Kursplan” der OVs in Berlin aufzustellen und Kooperationen einzugehen. Denn gemeinsam schaffen wir mehr! Schließlich macht es auch den Ausbildern mehr Spaß, eine größere Gruppe zu unterrichten als in Zweier- oder Dreier-Gruppen.

Lars, vielen Dank für das Interview. Gibt es noch etwas, dass du unseren Lesern mit auf den Weg geben möchtest?

Wer sich für den Amateurfunk interessiert, sollte bei den OVs vorbei schauen. Vielleicht einfach mehrere in der Umgebung besuchen, bis die richtige Gruppe gefunden wurde. In den Rundsprüchen werden weitere Veranstaltungen oder Vorträge angekündigt, bei denen oft noch etwas gelernt werden kann.

In Berlin haben wir im letzten Jahr mit der Aktion #BerlinUrbanHamRadio gestartet. Unter diesem Twitter-Hashtag werden kurzfristig angekündigte Funk-Treffen veranstaltet. Dabei gehen wir raus in Parks oder an gute Antennen-Standorte, um von dort auf Kurzwelle mit portablen Geräten für ein paar Stunden zu funken. Das ist eine schöne Veranstaltung für einen faulen Sonntag im Sommer. Interessierte oder Funkamateure mit und ohne Equipment sind dabei gerne gesehen.

4 Kommentare

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  4. Diana Moreno

    Lohn es sich heute noch für eine Amateurfunk Lizenz zu lernen ??
    Wenn ich mein Scanner anmachen ist nur rauschen.egal ob 2m oder 70 cm.

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